Verein der Ehemaligen des Gymnasiums Damme

 


Inga Beckmann (Abi 2001)

Brief aus Hong Kong an die Heimat. Erfahrungen mit dem Coronavirus.
Heimat zu sorglos. Soziale Distanz wird Leben retten.

Wir leben seit Mitte Januar in Zeiten von COVID-19 in Hong Kong und haben die erste Welle des Panikkaufs erlebt: Mundschutz, Desinfektionsmittel, Toilettenpapier und Medikamente! Auch Reis und Cup-Noodles verschwanden aus unseren Supermarktregalen. Unsere Schulen sind seit über acht Wochen geschlossen und „Fernunterricht“ ist zur neuen Normalität geworden, und es wird immer unwahrscheinlicher, dass unsere Schulen, Kitas und Kindergärten dieses Halbjahr überhaupt wieder geöffnet werden. Für berufstätige Eltern eine Katastrophe, selbst bei Home-Office (oder grade dann!). Ich bin seit Januar als Fotografin so gut wie auftragslos, da Budgets fuer die ersten beiden Quartale sofort gestrichen und all meine Projekte innerhalb von einer Woche gecancelt wurden.

Anfang Februar fühlte es sich wirklich wie das Ende der Tage an. Die Straßen waren verlassen, jede öffentliche Veranstaltung / Versammlung wurde abgesagt und viele verließen unsere Stadt für immer. Gezeichnet von 9 Monaten Protesten, die auch noch immer nicht abgeklungen sind, ist unser Tourismus zum erliegen gekommen und die F&B Branche gekillt, Restaurants und kleine Unternehmen schließen täglich. Es waren dunkle, beängstigende Tage für uns alle, die in HK leben, einer der am dichtesten besiedelten Städte der Welt.

Als sich jedoch Hongkongs vernünftige, sogar nachdenkliche Eindämmungsbemühungen durchsetzten, begannen sich die Zahlen zu stabilisieren. Wir haben (und werden auch weiterhin) gemessene soziale Distanzierung üben, tragen gegebenenfalls einen Mundschutz und waschen uns viel die Hände (sehr viel! Also sehr, sehr viel!). Ich habe nicht mehr das verzweifelte Bedürfnis, den täglichen Bericht „COVID-19 Local Situation“ zu überprüfen, der vom HK-Zentrum für Gesundheitsschutz (KWK) veröffentlicht wurde - letzte Woche als ich nachgesehen habe, lagen die Fallzahlen bei nur 130. Selbst die am stärksten betroffenen Gebiete in Asien verzeichnen einen täglichen Rückgang der Infektionsraten.

Nun kommen fast alle neuen Infektionen in Hong Kong aus Europa, dem neuen Epizentrum des COVID-19, worauf Hong Kongs Regierung sofort mit einer ausgedehnten Quarantänebestimmung auf so gut wie alle Europäischen Länder reagiert hat.

SARS hat diese Stadt traumatisiert und die Menschen haben ihre Lektionen nicht vergessen. Hong Kong reagierte schon, als im Epizentrum Wuhan die Anzahl an Infektionen viel kleiner war als die in Deutschland jetzt! Damals hatte Hong Kong kaum eigene Infektionen und vor allem keinen Todesfall…
Und ich muss zugeben, ich bin froh, dass ich in einer Stadt lebe in der die Menschen diskriminiert / blöd angeguckt werden, die KEINEN Mundschutz tragen und nicht andersrum! Es gibt ein Gefühl von Solidarität, Respekt und gemeinsamen Verständnis, dass alle am gleichen Strang ziehen. Völlig unabhängig davon, ob es sinnvoll ist oder nicht (und es ist nicht so, dass wir diese Mundschutz-Debatten hier nicht führen). Es ist nicht die richtige Situation und Zeit arrogant und ignorant zu sein, jeder sollte darüber nachdenken was es fuer einen Einfluss auf sein Umfeld haben kann.

Du machst dir vielleicht Sorgen: Werde ich dumm dastehen? Was, wenn ich überreagiere? Werden Freunde über mich lachen? Ich warte besser, dass andere erste Schritte unternehmen…

Schau nicht nur auf das, was zur Zeit in Deutschland passiert, sondern lies Nachrichten über Italien und andere Europäische Länder wie Iran und Spanien wo der Virus schon weiter fortgeschritten ist. Denn so wird es sehr wahrscheinlich in deiner nahen Zukunft aussehen wenn du und deine Mitbürger nicht sofort reagiert. Und ihr habt die Chance mit jedem Tag aus all dem zu lernen, wo betroffene Länder entweder Fehler gemacht oder weise und proaktiv gehandelt haben.

Also, schränke deine sozialen Kontakte ein, wasche deine Hände, geh viel and die frische Luft und STAY SAFE! Und vor allem nimm die Situation ernst, heute und nicht erst morgen.

Soziale Distanznahme, die du möglich gemacht hast, wird Leben retten!

Wir in Hong Kong sind weit entfernt von "zurück zur Normalität", aber zum ersten Mal seit langer Zeit schien es hier in Hong Hong ein echtes Gefühl der Hoffnung zu geben.
Es ist nicht „nur eine Grippe“ - COVID-19 ist sehr ernst und wir müssen weiterhin alle Anstrengungen unternehmen, um das Virus einzudämmen. Und leider wird die Zahl der Infektionen in den USA und in Europa weiter zunehmen, wahrscheinlich erheblich, aber die Zahl wird ihren Höhepunkt erreichen und dann wird alles wieder gut.

Und dann werden wir irgendwann wieder zusammen im Licht stehen.

With love from Hong Kong.
Inga

Inga Beckmann hat 2001 am Gymnasium Damme ihr Abitur gemacht. Sie studierte Journalismus und Dokumentarfotografie. Seit 8 Jahren arbeitet sie in Hong Kong. Angesichts des sorglosen Umgangs mit der Coronavirus-Pandemie in der Heimat hat sie einen Brief an Bekannte geschrieben, der hier exklusiv abgedruckt ist, in dem sie mit Sorge auf die Sorglosigkeit in der Heimat schaut. Der Brief erschien am 21.03.2020 auch der Oldenburgischen Volkszeitung.

Kontakt:
inga@ingabeckmann.com
www.ingabeckmann.com


Fotos Inga Beckmann